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Mein Leben im Schrebergarten

Mein Leben im Schrebergarten (Gebundene Ausgabe)Ob ihm die Kritik nun den „berufsjugendlichen Russenschelm“ vorhält, ihn bezichtigt, seine „unprätentiöse Lakonie“ liefe allmählich Gefahr, „zur Manier“ zu werden, er habe gar seine Unschuld verloren --, Wladimir Kaminer kann dies alles ziemlich piepegal sein. Der Mann mit dem gespielt naiven Blick auf den Wahnsinn des Alltags ist längst zur festen Satiregröße herangewachsen. Und solange der Vielschreiber auf solch urdeutsche Tümeleien stößt wie eine Laubenpieperkolonie mit dem fast schon drohend programmatischen Namen “Glückliche Hütten”, solange sein irritiertes Auge auf pralle deutsche Hintern fällt, deren gebückte Besitzer die heimische Scholle liebevoll wenden -, solange wird auch Kaminers satirische Futterkrippe stets randvoll sein.

Allzugerne hätte es der gärtnerisch unbeleckte Autor beim distanzierten Blick durch Buxus und Taxus belassen. Wäre da nicht Olga gewesen, die eigene Frau, die partout ihre Erinnerungen ans großmütterliche Gärtlein im tschetschenischen Grosny wieder aufleben lassen wollte. Dass die Übernahme von Parzelle 118 durch die Kaminers zu einem Stück Realsatire entgleitet, wundert bei diesem Autor nun wirklich niemanden mehr. Ebensowenig wie die Tatsache, dass beim Selbstversuch „Glückliche Hütten“ nach nur zwei Monaten Kleingärtnerei gegen so ziemlich alle Paragraphen des Bundeskleingartengesetzes, der Baumschutzverordnung, des Kreislaufwirtschaftsgesetzes, sowie der Abfall und Biotoilettenverordnung verstoßen wurde. Kaminer-Freunde wissen längst, dass solch erwartbare Gags zum ehernen Humorgesetz des Exilrussen gehören.

Ob man nun mit Parzellennachbar Günther Grass (natürlich nicht jenem, hihi!) das WM-Spektakel „Deutschland, ein Sommermärchen“ parzellenübergreifend erleiden muss; ob man sich auf Sinnsuche mit dem amerikanischen Naturburschen und Einsamkeitsfreak Henry Thoreau begibt, dem natürlich ein weitaus grandioseres Rückzugsgebiet zur Verfügung stand; Kaminers Schrebergartenjahr trug ergiebige Früchte, die Fans werdens ihm erneut danken. Auch wenn Elke Heidenreich etwas kleinlaut anmerkt, dass es fast schon ein wenig peinlich geworden ist, Kaminer immer noch gut zu finden. Es gibt weitaus Peinlicheres, ihr Gartenzwerge! -- Ravi Unger

Kurzbeschreibung
Parzelle 118 oder die Russen kommen ...

Der Schrebergarten - Heimat des deutschen Gemüts, Oase für Dichter und Denker, Herausforderung für jeden echten Mann. Und damit der perfekte Stoff für Wladimir Kaminers neues Werk!

Nach der Lektüre der rechtlichen Vorschriften des Bundeskleingartengesetzes (BKleinG), der Baumschutzverordnung (BsV), des Kreislaufwirtschaftsgesetzes (KwG) sowie des Abfall- und Biotoilettengesetzes (BioAb) wurde mir klar, dass wir innerhalb von nur zwei Monaten gegen so ziemlich alle Paragrafen der in Deutschland bestehenden Gartenordnungen verstoßen hatten. Zu unseren Verbrechen gehörten unter anderem Ruhestörung, verbotenes Anpflanzen von Hecken zwischen den Parzellen und die vorsätzliche Anschaffung nicht zulässiger Pflanzen. Es gab kaum ein Verbot, das wir nicht übertreten hatten, außer vielleicht jenem zur Haltung von Großvieh in Kleingartenanlagen. Allerdings waren wir der Anschaffung einer Kuh nicht grundsätzlich abgeneigt. Aber auch ohne Kuh hatten wir genug Sorgen: Der Vorstand hatte den Besuch einer Prüfungskommission angekündigt. »Keine Angst vor Bürokraten!«, rief mein Nachbar Günther Grass. »Sie sagen einem sowieso nie etwas ins Gesicht. Zuerst schreiben sie einen Brief.« »Rhabarber bringt Pluspunkte, den Rhabarber müssen Sie ernten«, empfahl mir Frau Beere. Sie besuchte gelegentlich Günther Grass, um mit ihm Widerstandsstrategien durchzugehen. Im Grunde waren alle Gärtner Verbrecher, wenn man sie nur streng genug nach dem Bundesgartengesetz in die Zange nahm, überlegte ich. Dieser Gedanke beruhigte mich etwas ... Spießeridylle? Gartenzwergbiotop? Nein, der Schrebergarten ist das letzte wahre Paradies auf Erden. Das findet zumindest Wladimir Kaminer, der sich samt seiner Familie mit Spaten, Häcksler und Gartenschere in das Abenteuer Schrebergarten stürzt. Als Inhaber der Parzelle 118 in der Berliner Kleingartenkolonie »Glückliche Hütten« macht er täglich neue Erfahrungen und Bekanntschaften - auch mit den Vorschriften des Bundeskleingartengesetzes, gegen die er innerhalb kürzester Zeit samt und sonders verstößt. Er schreibt von Fruchtfliegen, Rhabarber und seinem Nachbarn Günther Grass, von einem flugunfähigen Kanarienvogel und Henry David Thoreau, von zahlreichen Wagnissen und unerwarteten Segnungen - darunter eine Tonne erntefrische Äpfel, die dringend Abnehmer sucht. Als Fazit bleibt nach einem aufregenden Jahr: »Die Erde ist ein Schrebergarten und wir sind ihre Gartenfreunde, die sich zwischen den nassen Rhabarberblättern einquartiert haben. Und darauf trinken wir noch einen.«